Wie Kinder auf die Welt schauen: »Der Verbrecher sieht aus wie ein Pirat«

Gestern hat er nacheinander zwei Arbeitsblätter bearbeitet, auf dem ersten, so schrieb es mein Sohn, war ein Mann zu sehen. Und dann: »Der Mann ist Dedektiv.« Ich fand das so schön, dass ich ihm das zweite »d« habe durchgehen lassen, auch wenn ich es vermutlich hätte korrigieren sollen. Es folgten Informationen zum Gesicht (»Er hat eine lange Nase und ein rundes Ohr«), zur Körperhaltung (»Der Mann steht leicht gebückt«) und zum Abschluss das eine Detail, von dem er auf den Beruf geschlossen hat: »Das Besondere ist, dass er eine Lupe in der linken Hand hält.«

Ich war beeindruckt, wie präzise mein Sohn beobachtet hat, habe ihn auf vereinzelte Rechtschreibfehler hingewiesen – insbesondere Groß- und Kleinschreibung ist ihm nicht so wichtig – und zur Belohnung eine Runde »Super Mario« mit ihm gespielt. Mario ist ein kleiner Mann mit roter Mütze, blauer Latzhose und prägnantem Schnurrbart. Nach unserem kurzen Ausflug an die Konsole setzte sich mein Sohn ans zweite Blatt. Die ersten Sätze, die ihm zu dem Gesehenen in den Sinn kamen: »Der Mann ist sehr schlank. Er ist ein Verbrecher.« Und wenig später: »Der Verbrecher sieht aus wie ein Pirat.«

Das fand ich interessant und fragte meinen Sohn, warum er nicht geschrieben hat: »Der Mann auf dem Bild ist ein Pirat.« Er antwortete, dass er ja nicht wisse, ob das wirklich ein Pirat sei. Er glaube nicht mal, dass es ein Pirat sei. Der Mann sehe nur aus wie einer. Deswegen habe er es ja so geschrieben.

Aber, wandte ich ein, trotzdem sei er sich ja sicher, dass der Mann ein Verbrecher sei. Und nicht dass er wie einer aussehe. Mein Sohn verdrehte leicht die Augen. Es sei doch vollkommen klar, dass es sich um einen Verbrecher handele. Ich hätte wohl schon vergessen, dass auf dem anderen Bild ein »Dedektiv« zu sehen gewesen sei. Und wen, bitte schön, solle der denn mit seiner Lupe suchen, wenn nicht den Verbrecher?

Und wieder war ich beeindruckt: Mein Sohn beobachtet nicht nur sehr gut, er erbringt sogar Transferleistungen, auf die ich nie gekommen wäre.

Was erleben Sie, wenn Sie mit Ihren Kindern Hausaufgaben machen oder für die Schule lernen? Und über welche Wahrnehmungen Ihrer Kinder haben Sie sich besonders gefreut? Schreiben Sie es mir gern an familiennewsletter@spiegel.de  . Vielleicht stellen wir in einem Sammelartikel zusammen, wie Kinder die Welt sehen.

Und wenn Sie selbst ein Kind im Grundschulalter haben, möchte ich Sie um noch etwas bitten: Wenn Sie mögen, dann lassen Sie Ihr Kind doch einfach mal nach den Beschreibungen meines Sohns zwei Bilder malen – eins vom »Dedektiv« und eins vom »Verbrecher« – und schicken mir die Zeichnungen zu. Ich bin gespannt, was dabei herauskommt. Und für meinen Sohn wäre es bestimmt lehrreich, zu sehen, was andere aus seinen Beschreibungen machen und ob sich die Figuren ähneln.

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